Aufbruch und erste Eindrücke
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocausts ist keine gewöhnliche Bildungsreise. Sie fordert heraus, bewegt und hinterlässt Spuren. Vom 17. bis 23. Mai 2026 begaben sich zwölf Schüler und zwei Schülerinnen der Oscar-Walcker-Schule Ludwigsburg gemeinsam mit der Schulleiterin Sabine Haveneth und ihren Lehrerinnen Janina Boegel und Jana Weigend auf eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz (polnisch: Oświęcim) und Krakau. Die Reise stand im Zeichen von Erinnerung, Begegnung und Verantwortung.
Am Sonntagabend startete die Gruppe in Richtung Polen und erreichte am Montagvormittag das internationale Begegnungszentrum CDiM in Oświęcim. Nach dem gemeinsamen Mittagessen begann mit einer Stadtführung der erste Programmpunkt der Reise. In der Synagoge der Stadt erfuhren die Teilnehmenden, dass die jüdische Bevölkerung von Oświęcim einst mit etwa 7.000 bis 8.000 Menschen mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachte. Heute lebt dort keine jüdische Gemeinde mehr. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Geschichte Oświęcims weit über das Konzentrationslager hinausreicht – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.
Bereits am ersten Abend fand eine gemeinsame Reflexionsrunde statt. Schnell wurde deutlich: Diese Woche würde emotional fordernd werden.
Am Dienstag besuchte die Gruppe erstmals die Gedenkstätte Auschwitz I. Die erhaltenen Baracken, persönliche Gegenstände der Opfer und die Berichte über die nationalsozialistischen Verbrechen machten das unvorstellbare Leid greifbar. Besonders eindrücklich war für viele Teilnehmende der anschließende Workshop über das Schicksal junger Häftlinge anhand der sogenannten „Maurerschule“ in Auschwitz. Die Lebensgeschichten der Jugendlichen schufen eine unmittelbare Verbindung zur eigenen Lebenswelt.
Der Mittwoch stand im Zeichen des Besuchs von Auschwitz-Birkenau – jenem Ort, der wie kaum ein anderer für die industrielle Vernichtung von Menschen steht. Die weitläufige Fläche des ehemaligen Vernichtungslagers, die Gleisanlagen und die Ruinen der Gaskammern hinterließen tiefe Betroffenheit. Am Nachmittag besuchte die Gruppe eine Kunstausstellung, in der sowohl Häftlingskunst als auch Auftragsarbeiten der SS ausgestellt werden, sowie die internationalen Länderausstellungen in Auschwitz I. Auch an diesem Tag boten die Reflexionsrunden Raum, Gedanken und Gefühle gemeinsam zu verarbeiten.
Krakau: Erinnerung, Mut und Zivilcourage
Nach den Tagen in Auschwitz führte die Reise weiter nach Krakau. Dort erkundete die Gruppe bei einer Stadtführung das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz sowie den Bereich des ehemaligen Ghetto Krakaus. Besondere ist dabei die Geschichte der Apotheke im Kopf geblieben. Die Apotheke war eng mit dem polnischen Apotheker Tadeusz Pankiewicz verbunden. Als das Ghetto 1941 errichtet wurde, blieb seine Apotheke die einzige im Viertel. Obwohl er und seine Mitarbeiterinnen dabei ihr eigenes Leben riskierten, leisteten sie humanitäre Hilfe für die jüdische Bevölkerung. Sie organisierten Medikamente, schmuggelten Lebensmittel und Nachrichten ins Ghetto und versteckten Verfolgte in den Hinterräumen der Apotheke, um sie vor Deportationen und Razzien zu schützen.
1947 veröffentlichte Pankiewicz seine Erinnerungen unter dem Titel „Die Krakauer Ghetto-Apotheke“. Das Buch gilt bis heute als eine der wichtigsten historischen Quellen über das Leben und Leiden der Menschen im Krakauer Ghetto zwischen 1941 und 1943. Für seinen mutigen und selbstlosen Einsatz wurde er 1983 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.
Diese Auszeichnung hat auch der deutsche Fabrikant Oskar Schindler und seine Frau Emilie erhalten. Daher stand am Freitag mit der Oskar Schindlers Fabrik ein weiterer bedeutender Erinnerungsort auf dem Programm. Die Ausstellung vermittelte eindrucksvoll die Geschichte Krakaus während der deutschen Besatzung und erinnerte an die Menschen, die Opfer der Verfolgung wurden – aber auch an jene, die Widerstand leisteten oder anderen das Leben retteten. Obgleich wenig über die eigentliche Geschichte Schindlers an dem Ort zu erfahren war.
Neben den offiziellen Programmpunkten blieb immer wieder Zeit für persönliche Gespräche, gemeinsames Innehalten und individuelle Eindrücke in Krakau. Die Fahrt endete am Freitagabend mit der Rückreise nach Deutschland; am Samstagmittag erreichte die Gruppe Kornwestheim.
Erinnerung als Verantwortung
Die Gedenkstättenfahrt machte deutlich: Geschichte ist nicht vergangen. Die Erinnerung an Auschwitz bleibt Auftrag und Mahnung zugleich – gerade für junge Generationen.
Ein Zitat der Holocaust-Überlebenden Ruth Klüger (1931–2020) verdeutlicht diesen Auftrag besonders und regt bis heute zum Nachdenken an:
„Man sagt ‚nie wieder‘ und dann schauen Sie sich mal all die Massaker an, die inzwischen passiert sind. Es ist absurd zu sagen, es soll nicht wieder passieren.“
Die Frage, welche Verantwortung Erinnerung heute trägt und wie sich aus der Geschichte angesichts von Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und aktuellen Kriegen lernen lässt, begleitete die Teilnehmenden während der gesamten Reise. Viele nahmen die Erkenntnis mit, dass Gedenken allein nicht ausreicht, sondern aktives gesellschaftliches Handeln notwendig bleibt.